

Auf dem virtuellen Leidensweg mit «Tour de France 2018 – Pro Cycling Manager»

Anfang Juli geht mit der Tour de France die berühmteste Landesrundfahrt der Rennrad-Szene in die 105. Runde. Cyanide und Focus bringen die legendäre Grand Boucle auch dieses Jahr auf PCs und Konsolen. Wie sich die simulierten Strapazen anfühlen, erfährst du hier.
Das weltbekannte Velorennen ist das Radsportereignis schlechthin. 3'329 Kilometer, verteilt auf 21 Etappen, führen die Profis quer durch Frankreich. Die beiden französischen Studios Cyanide und Focus spannen auch 2018 wieder zusammen und haben Ende Juni «Tour de France 2018 – Pro Cycling Manager» veröffentlicht. Eine Radsport-Simulations-Serie, die immer tiefer ins Detail gehen und näher an die Realität kommen will. Von der Rennvorbereitung über die Materialwahl bis hin zum Wasserträger: Jeder Entscheid beeinflusst deine Siegeschancen. Triffst du die falsche Wahl, hast du keine Chance.
Läufst du noch oder strampelst du schon?
Ja, ich bin ein angefressener Velofahrer. Das Strassenrennrad sagt mir etwas mehr zu als Mountainbikes. Ich besitze dennoch beide Exemplare. Keine Woche vergeht, ohne dass ich auf dem Drahtesel sitze. Sei es nur, um auf dem Rollentrainer vor der Glotze Kilometer abzuspulen oder aber in der freien Wildbahn, dem natürlichen Habitat des Zweirades.
Noch viel zentraler: Ja, ich bin Gamer – irgendwo zwischen Hobby- und Vielspieler – sowie grosser Fan von (Sport-)Simulationen. Egal, ob Formel 1, Fussball, Baseball oder eben Velofahren: Es sind solche Spiele, die mich stundenlang fesseln. Bei Manager-, Strategie- oder Planungs-Modi schlägt mein Herz höher. Ich liebe es, mir meine Strategien zurecht zu legen, die perfekte Aufstellung in mühsamer Detailarbeit zusammenzustellen oder nächtelang an der optimalen Ausrüstung zu tüfteln.

Von «Tour de France 2018 – Pro Cycling Manager» spiele ich nur die PC-Version. Denn auf der PS4 und Xbox sind die Möglichkeiten zu stark eingeschränkt: Du übernimmst entweder die Kontrolle eines einzelnen Fahrers an der Tour de France oder stellst dir dein Wunschteam zusammen. Doch das, was für mich den Reiz des Spiels ausmacht, findest du nur auf dem Computer. Dort amtest du als waschechter Radsportteam-Manager, kannst aber gleichzeitig auch die einzelnen Fahrer deines Teams steuern.
Der ewige Fluch der Serien
Es ist ein nie enden wollender Disput: Machen jährliche Videospiel-Serien und -Fortsetzungen Sinn, auch wenn nichts wirklich Neues dabei ist? Eingefleischte Fans würde diese Frage mit einem klaren «Ja» beantworten, da sie das Spiel so oder so kaufen. Bei «FIFA» und mir verhält es sich ähnlich: Hier bin ich jedes Jahr an vorderster Front dabei, auch wenn's hie und da eine Enttäuschung gäbe. Aber «FIFA» und ich haben eine Beziehung, die nur schwer in Worte zu fassen ist... daher ist dieser Vergleich nicht wirklich repräsentativ.
Auch der Tour-de-France-Titel von Cyanide und Focus erscheint seit mehr als einer Dekade im jährlichen Turnus. Während sich meiner Meinung nach – ich bin seit 2014 dabei – grafisch jeweils kaum etwas bis nichts tut, werde ich bei Inhalten, Modi und Features optimistischer. Dort wird offensichtlich sehr viel Zeit investiert, um Dinge wie Ermüdung, Fahrphysik, Rennvorbereitung und Tagesform so realistisch wie nur möglich zu gestalten. Klar, sobald sich der Grafikkartenmarkt revolutioniert, kommt auch die französische Rennrad-Serie anschaulicher daher. Aber von visuellen Quantensprüngen zu sprechen, wäre vermessen.

Der erste Eindruck unterstreicht diese Aussage: Das Spiel hat sich seit 2017 etwas aufgehübscht. Die Kanten sind runder, die Gesichter der Fahrer deutlicher erkennbar und die Animationen flüssiger. Ein grafisches Meisterwerk ist es noch immer nicht – muss es für meinen Geschmack bei solch einem Format aber auch nicht sein. Denn das ganze Tamtam rund um den Tour-de-France-Zirkus kommt beim Spieler hervorragend an.
Im visuellen Bereich bestätigt sich der Fluch der Serien also nicht oder nur teilweise. Doch wie steht's um den Inhalt?
Was steckt wirklich drin?
Der Inhalt hat sich im Vergleich zum Vorgänger tatsächlich nicht geändert. Es sind noch immer dieselben Spielmodi verfügbar, ohne irgendwelche Neuerungen. Auch dies tut meinem Spielspass keinen Abbruch. Denn wichtig ist, dass der Karriere-Modus noch dabei ist. Auf diesen werde ich gleich näher eingehen. Nebst einer Karriere als Manager kannst du beispielsweise (wie auf der Konsolen-Version) einen einzelnen Spieler an der Tour de France steuern, an Indoor-Bahnrennen teilnehmen oder einzelne Monumente wie die Flandern-Rundfahrt nachspielen.

Ich habe nie etwas anderes gespielt als die Manager-Karriere. Die weiteren Modes kurz angespielt, ja – aber zu wenig, um eine sinnvolle Wertung abgeben zu können. Dieses Jahr sollen sich die Entwickler vorwiegend auf die Verbesserung der AI durch Community-Feedbacks und Resultate aktueller Rennen fokussiert haben. Spoiler: Das merkst du gleich im ersten Ernstkampf. Spoiler #2: Cyanide und Focus ist es (bis auf einige wenige Ausnahmen) tatsächlich gelungen, noch realistischere Rennsituationen zu kreieren.
Auf dem Weg an die Spitze
Der Einstieg in eine vielversprechende Karriere ist alles andere als schnell und simpel. Zu Beginn musst du dein Team wählen oder selbst eines zusammenstellen. Wählst du ein vordefiniertes Team, kannst du dich für eine Equipe der World, Pro Continental oder Continental Tour entscheiden. Stellst du deine Mannschaft selbst zusammen, startest du in der untersten Stärkeklasse, der Continental Tour. Dabei wirbst du entweder den Profi-Teams ihre Athleten ab oder gibst den Free Agent Ridern – Fahrern ohne Vertrag – eine Chance. Ich bevorzuge letzteres, so ist die ganze Sache realistischer.

Dabei solltest du bedenken, dass gewisse Rennen für dein Team Pflicht sind – dies wird vor allem im späteren Verlauf der Karriere immer wichtiger. Als World Tour Team musst du bei mehrtägigen Rundfahrten, Kopfstein-Klassikern und Eintages-Rennen eine Gruppe Fahrer an den Start bringen. Dies solltest du bei der Auswahl deiner Clique berücksichtigen. Klar, Transfers sind immer möglich. Aber für dein erstes Team empfehle ich mindestens vier Bergfahrer und vier Sprinter – so hast du Berg- wie auch Flachetappen abgedeckt. Ein Kopfsteinpflaster-Spezialist schadet ebenfalls nie, die restlichen Plätze füllst du mit Allroundern oder Jungtalenten. Zwölf Fahrer reichen am Anfang aus, ansonsten wird es schnell unübersichtlich.

Hast du deine Truppe beisammen, geht's auch gleich ans Eingemachte. Nein, in die Pedale getreten wird noch lange nicht. Zuerst musst du einen Haufen E-Mails lesen, bearbeiten und beantworten. Dabei geht es um die Saisonvorbereitung eines jeden Fahrers, die Materialwahl, Sponsorenverträge und -ziele, den Rennkalender des Teams, Nationalkader-Angelegenheiten, internationale News und vieles mehr. Augen zu und durch(klicken), davon rate ich dir stark ab. Denn die Vorbereitung ist essentiell für den späteren Erfolg. Tutorials im eigentlichen Sinne gibt es keine, höchstens ein paar Tipps am Rande.
Es wird tageweise simuliert, sofern keine Rennen anstehen. Vor einem Wettkampf stoppt die Simulation jeweils automatisch, ausser eine Angelegenheit erfordert deine Zustimmung beziehungsweise Ablehnung. Du kannst übrigens auch – wie beispielsweise im «FIFA»-Karrieremodus – das Coaching des Nationalteams übernehmen. Verletzungen, falsche Trainingsmethoden und ein Ausschluss beim Lieblingswettkampf können alles über den Haufen werfen, während unerwartete Erfolge und Leadertrikots deinen Fahrern zu ungeahnten Höhenflügen verhelfen.

Geduld ist eine Tugend
Für Strategie-, Simulations- und Realitäts-Fanatiker wie mich spielt die zugrunde liegende Datenbank eine entscheidende Rolle. Wenn Chris Froome zu Kris Frumey wird, dann fliegt das Spiel sofort von meiner Festplatte. Diesbezüglich haben sich die Entwickler stark verbessert, die Daten lassen aber nach wie vor zu wünschen übrig. Als ich mir das erste Mal ein Spiel aus der Tour-de-France-Reihe gekauft habe, war ich bitter enttäuscht.
Hier springen glücklicherweise Fans in zahlreichen Foren in die Bresche und stellen jedes Jahr eigene Datenbanken zur Verfügung, die sogenannten «Real Name Databases» und «Expansion Packs». Meist noch am Tag des Releases erscheint eine simple Datenbank mit den echten Namen, Nationalitäten und Fähigkeiten der Fahrer. Für ausführliche Erweiterungen mit zusätzlichen Streckenvarianten (damit die Tour de France – wie im echten Leben – nicht immer exakt dieselben Orte passiert), aktualisierten Trikots, Sponsoren und vielem mehr ist Geduld gefragt. Da dauert es oft drei bis fünf Wochen, bis solche Packages ready sind – je nach dem, wie sehr sich das Spiel im Vergleich zum Vorjahr verändert hat.

Fazit
«Tour de France 2018 – Pro Cycling Manager» ist nach wie vor die beste Radrennsport-Simulation auf dem Markt. Aber: Das Spiel schafft es erneut nicht, endlich unter dem Berg von Lorbeerkränzen aus der Entstehungsphase hervorzukriechen und eine Bombe platzen zu lassen. Zwar sind beispielsweise Ausreissversuche etwas abgeschwächt und realistischer geworden. Sie führen aber noch zu oft zum Erfolg, obwohl sie es nicht sollten. Oder aber, es werden erst gar keine Bemühungen für eine Flucht unternommen. Eine der vielen verpassten Chancen, auf die wir Angefressenen jedes Jahr hoffen. Auch die nach dem Festlegen des Rennplans nicht angepassten Ziele und ignorierten Wünsche der Fahrer lassen arg zu wünschen übrig.
Ist das Spiel für Einsteiger, die nichts mit dem Radrennsport anfangen können, geeignet? Definitiv nicht. Ob sich der Kauf für Velo-Aficionados lohnt, für welche die Serie Neuland ist? Ja, aber du brauchst viel Zeit, um dich ins Spiel hineinzuleben. Ein Aufwand, der sich für mich am Ende gelohnt hat. Für Eingefleischte ist der Kauf sowieso ein Muss, während sich Gelegenheitsspieler auch getrost die günstigere, aber fast identische 2017er-Version besorgen können.

Schlussendlich steht und fällt der Spass an diesem Spiel mit einer soliden Datenbank. Gäbe es nur diejenige der Spieleentwickler, würde ich dir vom Kauf abraten. Da fleissige Helfer aber meist zwei bis drei Stunden nach der Veröffentlichung mit den für den Spielpass notwendigen Basics aufwarten, ist dies kein Problem.
Der digitaler Ausflug auf dem Zweirad mit Wettkampfcharakter lohnt sich alleweil. Insbesondere, da es bestimmt nicht bei dem einen Ausritt bleiben wird.


Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne hüglige Cyclocross-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.